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Bäume ausreißen für das Klima – Tag der Erde 2022 im Burgwald-Moor

„Also wir sagen eigentlich immer Du. Ist das ok?“ Lothar Feisel von der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ begrüßt zwei Dutzend Menschen im Alter von sechzehn bis weit über sechzig auf dem Wanderparkplatz an der Revierförsterei Mellnau. Natürlich gibt es keine Einwände, denn heute ist ein gemeinsamer Arbeitseinsatz als Beitrag zur Moor-Renaturierung geplant.

Lothar ist seit fast 20 Jahren dabei, die ursprüngliche Bürgerinitiative wurde sogar schon im März 1977 gegründet. Damals bedrohten überregionale Wasserentnahme sowie der Bau einer Autobahn die Idylle des Burgwalds, der in den Landkreisen Waldeck-Frankenberg und Marburg-Biedenkopf liegt. Dabei war mit dem Auftauchen des Rauhfußkauzes in den 1960iger Jahren deutlich geworden, welch vielfältige Flora und Fauna hier ihren Platz gefunden hat. Die Bürgerinitiative hatte Erfolg und daraus entwickelte sich ein Naturschutzverein von überregionaler Bedeutung.

Vorbereitung zum Arbeitseinsatz.

Doch heute, am 23. April, dem Tag der Erde, sind die Leute nicht zum Wandern und Schauen gekommen. In Arbeitskleidung mit festem Schuhwerk, teilweise auch schon mit Astscheren und Sägen bewaffnet, geht es nach der kurzen Begrüßung mit möglichst vollbesetzten Autos einige Kilometer ins „Innere“ des riesigen Burgwalds.

Die AGA hatte die Aktion angestoßen, und die BI Chattengau ist dabei neben der BI Twistetal gegen Massentierhaltung und Menschen vom BUND Frankenberg. Mitglieder des NABU und Fridays for Future sind vertreten und andere Tier- und Klimaschützer. Dazu kommt ein Trupp erfahrener Naturschützer aus der Burgwald-AG.

Der Konvoi kommt an und Lothar packt einen Berg Werkzeuge aus seinem Kombi. Sägen, Äxte, Spaten und viele, viele Astscheren. Jeder schnappt sich etwas und im Gänsemarsch geht es zum Einsatzort. Der Boden ist weich und holprig, wer solches Gelände nicht kennt stolpert schon mal. Dann erklärt Lothar, was heute zu tun ist.

„Moor muss nass“, das haben hier wohl alle schon mal gehört, selbst wenn sie noch nie ein Moor betreten haben. Im Burgwald wurden Entwässerungsgräben verschlossen und so wird nach und nach das Moor renaturiert. Gehölze wie Birken oder Fichten und Kiefern lieben den feuchten Boden und wachsen und gedeihen dort prächtig. Doch damit wird moortypischen Pflanzen wie Wollgras oder Segge und bestimmten Faltern, Schmetterlingen und Libellen wie der Schwarzen Heidelibelle der Lebensraum zerstört. Also: das Gehölz muss an dieser Stelle weg.

In Zweier-Teams geht es zur Sache.

Viele wissen das, andere lernen es nun: Birken müssen mit der Wurzel entfernt, also ausgegraben werden, sonst stehen sie im nächsten Jahr wieder gleich groß da. Sie würden aus den alten Wurzeln im Boden neu ausschlagen und womöglich stärker als zuvor wachsen. Bei den Nadelbäumen reicht es, wenn sie ganz dicht an der Wurzel abgeschnitten oder abgesägt werden. Manche „Bäumchen“ sind ganz schön groß. „Wer bedient die Motorsäge“, ruft jemand. „Keiner“, kommt die Antwort aus dem Kiefernwäldchen. Als dann, die Bügelsäge wird mit zwei Mann bedient und der Baum fällt.

Es erscheint vielen Naturfreunden seltsam, die Bäume zu beseitigen mit dem frischen Grün. Doch im Moor ist das aktiver Naturschutz. Und so wandern kleine und auch größere Bäumchen alle auf große Haufen am Rande des Einsatzgebietes. Einfach liegenlassen ist keine Option, allein deshalb, weil weil das verrottende Material unerwünschte Nährstoffe in das Moor eintragen würde, was dessen Entwicklung erschwert. Manchmal sieht es aus, als könnten die Bäume laufen, denn sie sind größer als der Mensch, der sie trägt. Doch auch die kleine Schößlinge sollen und müssen aus dem Boden gezogen werden. Da ist auch gerne mal eine jüngere Hündin dabei, die mit Leidenschaft „mithilft“ und das Buddeln anfängt, wenn gegraben wird. Eine ältere Hunddame schaut sich das an langer Leine vom Rande aus an. Sie würde im schlimmsten Fall zu weit umherlaufen und nicht zurückfinden.

Schon bald liegen Jacken und Westen auf einem großen Haufen. Das Wetter ist mit einer Temperatur unter 20 Grad und ohne Regen eigentlich ideal. Aber die Arbeit ist anstrengend, und in den Zweierteams geht es engagiert zur Sache. Nach zwei Stunden ist dann auch mal eine Pause angesagt. Reichlich Kaffee und Kuchen und natürlich Wasser wird verdientermaßen genossen. Viele zufriedene Gesichter sind zu sehen.

Dann geht es in die zweite Runde. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein beachtliches Stück Moorboden wurde freigelegt. Auf einem langen Baumstamm nimmt die Gruppe Platz. Ein paar Männer können gar nicht aufhören zu arbeiten und entfernen eine letzte Birke unter den Zurufen der Zuschauerinnen mit großen Hallo.

Für das Gruppenfoto werden auch ein paar Transparente der beteiligten Gruppen ausgerollt. Für alle bleibt – wieder einmal – die Erkenntnis, dass praktische Arbeit ein tieferes Verständnis schafft für die Besonderheiten der Natur, die noch immer allzu leicht wirtschaftlichen Interessen und Gewinnstreben geopfert werden.

Natur-, Tier-, Umwelt- und Klimaschutz müssen zusammen gedacht werden. Dieses Grundprinzip der AGA-Nordhessen sollte hier symbolisch gezeigt werden. Dass dabei richtig was „weggeschafft wurde“, macht es für uns umso befriedigender. Danke auch an die gute Organsiation der Burgwald-Gruppe für diesen Tag.

Wer auch mal aktiv mitmachen möchte, schreibt am besten eine Mail an ag-burgwald@web.de oder kann unter Telefon 06423 – 3583 erfahren, wann der nächste Arbeitseinsatz stattfindet.

Die Besonderheiten des Burgwalds können auf der Webseite der Aktionsgemeinschaft bewundert werden.

Fotos von der Aktion auf der Webseite der AGA.

Tag der Erde 2022 wieder dezentral – BI Chattengau ist dabei

 Auch in diesem Jahr fällt der Tag der Erde coronabedingt als Großveranstaltung mit vielen tausend Besuchern allein in Kassel aus. Die Organisatoren haben stattdessen wieder dazu aufgerufen, eine individuelle Aktion zu gestalten. Die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung schließt sich daher ihrer Dachorganisation, der Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen (AGA), an. Wir machen mit bei einem Arbeitseinsatz im Burgwald Moor bei Frankenberg. Alle Interessierten sind eingeladen zum Mitmachen.

Was haben Moore mit Massentierhaltung oder Landwirtschaft zu tun? Auf den ersten Blick eher wenig, doch natürlich gibt es gerade im Klimaschutz einige Parallelen. Moore wurden jahrhundertelang trocken gelegt um Nutzfläche zu gewinnen und den nährstoffhaltigen Torf als Blumenerde zu vermarkten. Dabei sind Moore als CO2 Speicher aber auch als „Wasserfilter“ extrem wichtig.

In der Massentierhaltung zählt ebenfalls nur der – kurzfristige – Gewinn durch hohe Effizienz. Gesellschaftliche Folgekosten, die durch Emissionen oder Wasserbelastung entstehen, werden nicht berücksichtigt. Längst wissen wir, dass eine zukunftsfähige Landwirtschaft die Tierzahlen reduzieren und die Natur besser schützen muss!

Der Tag der Erde erinnert alljährlich daran, dass es keinen „Planet B“ gibt. Das hat auch die AGA auf die Idee gebracht, einmal praktisch Hand anzulegen. Am Samstag, 23. April 2022 um 12 Uhr geht es los. Inklusive einer Einweisung und einem gemeinsamen Picknick wird die Veranstaltung bis 16 Uhr gehen. Treffpunkt ist der Parkplatz an der Revierförsterei Mellnau.

Bitte möglichst anmelden. Auch, weil wir versuchen wollen, eine Fahrgemeinschaft aus dem Chattengau zu bilden. Einfach kurze E-Mail an loesekamm@aga-nordhessen.de

Wer kurzfristig noch dabei sein will: Wir treffen uns am Parkplatz bei der Revierförsterei Mellnau. Bitte pünktlich sein. Um 12 Uhr starten wir von dort mit möglichst wenigen Fahrzeugen zum Einsatzort. Es gibt eine kurze Einführung vor Ort und dann geht´s los. Auch für ein kleines Picknick mit Kaffee und Kuchen sorgen wir!

Bitte wetterfestes Schuhwerk tragen und gerne Ast- oder Rosenschere mitbringen.

Hintergrund

Moore sind unsere hochwertigsten Lebensräume. Sie können bis zu 6 mal (!) mehr CO2 binden als eine gleich große Waldfläche. Zudem leben hier viele seltene und seltenste Tiere und Pflanzen. Die Revitalisierung von Mooren ist daher ein effizienter Beitrag zum Klimaschutz und zur Biodiversität.

Mehr Infos zum Burgwald: https://www.ag-burgwald.de/lebensr%C3%A4ume/moore/

Zum Thema Moore: https://aga-nordhessen.de/moore-retten/

Infos zur Aktion zum Weiterverbreiten: PDF Download

Kreative Aktion statt Großdemo in Berlin

Nicht nur die Grüne Woche in Berlin musste dieses Jahr pandemiebedingt abgesagt werden, sondern auch die alljährliche Großdemonstration von Umweltverbänden, Tier- und Naturschützern für eine ökologischere Landwirtschaft, die vom Trägerkreis „Wir haben es satt!“ organisiert wird.

Der Trägerkreis, in dem von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Brot für die Welt oder BUND bis zur Zukunftsstiftung Landwirtschaft mehr als 60 namhafte Organisationen vertreten sind, hatte deshalb zu einer kreativen Mitmach-Aktion aufgerufen. Mitglieder der Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen (AGA) und der BI Chattengau haben die Idee ausgebaut und einen Videoclip mit professioneller Unterstützung gedreht.

Der „Staffel-Lauch“ (#WHES22) ist konzipiert für mindestens zwei Menschen. Benötigt wird ansonsten nur ein Handy zum Filmen und eine Lauchstange. Diese wird wie ein Staffelstab aufgenommen, ein Wunsch oder eine Forderung gesagt und dann wird die Lauchstange weitergereicht. Aneinandergereiht gibt das eine sehr witzige Abfolge.

Wir drehten am Wochenende auf dem Biolandhof von Reinhard Nagel, der auch Sprecher der AbL Hessen (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) ist. Nagel selbst macht den Auftakt in dem 35-Sekunden-Clip. Mit dabei waren auch Aktive der Bürgerinitiativen Chattengau sowie Twiste gegen Massentierhaltung.

Am kommenden Samstag ist in Berlin ein großes Spektakel vor dem Bundeskanzleramt angekündigt, alles unter strengen Coronaregeln. Deshalb wird auch nicht zur Teilnahme vor Ort aufgerufen. Die nordhessischen Aktiven werden zumindest ein wenig virtuell dabei sein.

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Die Plukon Story

von Andreas Grede

Als der erste Demonstrationszug der BI Chattengau vor 7 Jahren durch Gudensberg zog, war eine der Parolen „Für Mensch und Tier – kämpfen wir“. Mit den Menschen waren zwar auch die Anwohner in der Nähe des Großschlachthofes gemeint, doch schnell wurden dann die Arbeitsbedingungen der häufig osteuropäischen Leiharbeiter bekannt: Miese Löhne für Schwerarbeit, Ausbeutung durch Matrazenvermietung und Transferkosten. Ein Bischoff aus NRW sprach von „Lohnsklaverei“.

Gudensberg erlebte im Frühjahr 2014 erstmals eine große Demo gegen den Schlachthof.

Auf der Webseite von Plukon Gudensberg wurden anfangs noch Kundenreferenzen aufgeführt (Mc Donalds, netto u.a.), doch diese verschwanden dort schnell. Offenbar wollte niemand öffentlich mit dieser Tiertötungsfabrik in Verbindung gebracht werden.

Billigfleisch für Supermärkte und Discounter

Der aktuelle Warnstreik in Gudensberg erinnert an die Ausbeutung von Mensch und Tier

Die Gewerkschaft NGG, deren Büro in Kassel für die Region Nord- und Mittelhessen zuständig ist, kämpft für die Gudensberger KollegInnen schon lange für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. Schon im April fand auf dem Gudensberger Markplatz eine Kundgebung statt unter dem Motto „Mehr Geld, mehr Urlaub, Tarifvertrag jetzt!“. Der Kasseler Gewerkschaftssekretär Stefan Walter erklärt dazu: „Die Lohnunterschiede zwischen dem Plukon-Werken in Gudensberg und Visbek sind erschlagend. Aktuell bekommen die Kollegen am niedersächsischen Standort ganze 18,6 % mehr Lohn, mehr Urlaub und wesentlich höhere Zuschläge.“

Nachts um 2 Uhr beginnt die Arbeit im Schlachthof. Der Warnstreik legte die erste Schicht lahm.

Die Vorgeschichte dieses Warnstreiks ist bezeichnend. Es gab vier Verhandlungsrunden, in denen laut Gewerkschaft die Arbeitgeberseite nicht bereit war, ein Angebot zu machen. Stattdessen seien Mitarbeiter durch den Betriebsleiter unter Druck gesetzt worden und man habe versucht, aktive Gewerkschaftsmitglieder durch Geldzahlungen ruhig zu stellen.

Es reicht! Wo die Geschäftsführung sich stur stellt, zeigt die Gewerkschaft ihre Zähne.

NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann ist sauer: „Wenn Plukon inhaltlich nicht auf uns zukommen möchte, rücken wir gerne näher an sie heran. Wenn es dazu längere Streikmaßnahmen braucht sind wir dazu bereit.“

Unternehmerisches Risiko. Für die Beschäftigten.

Das Elend der Arbeiter in den Schlachthöfen ist seit dem Coronaskandal bei Tönnies einer breiten Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein gerückt. Es führte zu Gesetzesänderungen im Arbeitsrecht, die gegen den Widerstand der CDU/CSU in der GroKo durchgesetzt wurden. Unvergessen sind die Auftritte der stellvertretenden Frakionsvorsitzenden der Union Gitta Connemann, die sich gegen ein Verbot der Leiharbeit einsetzte und in derem friesischen Wahlkreis Unterems neben Rothkötter auch der Schlachthof Weidemark liegt, der im letzten Jahr ein weiterer Corona-Hotspot war. Connemann betonte, sie sei „bekennende Lobbyistin“ ihrer Region. Das darf sie sicher sein, doch zu den Arbeitsumständen der rumänischen Arbeiter in Sögel konnte sie wenig sagen. Mit der Betriebsleitung von Weidemark und Clemens Tönnies war sie dagegen in Kontakt, wie die Zeit berichtete. (Zeit Nr. 46/2020).

Unterkunft für Schlachthofmitarbeiter aus Osteuropa.

Ein Blick nach Gudensberg zeigt auch wenig Erfreuliches. Morgens werden viele der ausländischen Arbeitnehmer in Kleinbussen herangefahren und verschwinden dann abends wieder in den umliegenden Dörfern in irgendwelchen Unterkünften. Auch Gudensberg selbst hat einige einschlägige Häuser. Das Schlimme daran ist, dass hier nach der schlecht bezahlten Arbeit die ohnehin gebeutelten Menschen auch noch ausgenommen werden für ihre Unterkunft. Es ist überall das Gleiche, auch Wilke Wurst in Berndorf hatte ein ähnliches „schönes“ Umfeld.

Wie der Großschlachthof nach Gudensberg kam

Gerhard Köcher fing klein an. Auf dem elterlichen Hof in Gudensberg züchtete und mästete er nach anderen beruflichen Stationen Puten. Mit Erfolg. Mitte der 1970iger Jahre bauten die Brüder Köcher in Gudensberg bereits großzügig, denn aus dem kleinen Projekt einer Putenfarm und -schlachterei war ein ständig wachsendes Unternehmen geworden. Doch mit der Einführung von Fleischkühltheken für Selbstbedienung in Supermärkten und Discountern um die Jahrtausendwende ging es wirtschaftlich bergab. Nach Teilinsolvenz folgte der Konkurs.

Diese Vorgeschichte ist insofern interessant, weil sich jahrelang hartnäckig Gerüchte hielten: Warum war die Stadt Gudensberg derart versessen darauf, dass die Ansiedlung des niederländischen Schlachthofkonzerns Plukon klappte? Im Frühjahr 2000 hatte die damalige Insolvenzverwalterin die Geldgeber scharf kritisiert, die nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen hätten. Banken haben einen Aufsichtsrat.  Es wurde von fragwürdigen Bürgschaften gemunkelt, doch das sind offiziell nur Gerüchte. Bis 2014 war Köcher dann noch Geschäftsführer der Frizzi Tiernahrung GmbH.

Wie auch immer: 2013 wurde es dann Gewissheit, Plukon kommt nach Gudensberg und wird einen großen Schlachtbetrieb im industriellen Stil aufbauen. Doch es regte sich Widerstand. BürgerInnen und AnwohnerInnen fürchteten den Gestank, bangten um Lebensqualität und den Wertverlust ihrer Immobilien. Im Dezember fand erstmals eine Versammlung statt, bei der sich über 100 Menschen trafen und überlegten, wie man sich wehren könne.

Protest formiert sich – breite Ablehnung in der Bevölkerung

Großställe gab es ja schon einige in der Umgebung, Niedenstein-Metze galt mit seinen Mastanlagen als abschreckendes Beispiel. Auch wenn erst im Laufe der Proteste und „Informationsveranstaltungen“ der Stadt allmählich Zahlen durchsickerten, es war klar, dieser Schlachthof würde die nordhessische Landschaft verändern.

Denn die Tiere mussten ja irgendwo gemästet werden, und irgendwann kamen es sukzessive ans Tageslicht: 37 Million Hähnchen sollten hier pro Jahr getötet und verarbeitet werden, für die meisten Menschen eine unvorstellbare Zahl. Umwelt- und Tierschützer fanden zusammen, Tierrechtler aus Kassel waren dabei und jede Menge Leute, die aus ganz verschiedenen Gründen die Massentierhaltung ablehnten. So entstand, zunächst als loser Zusammenschluss, die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung.

Natürlich kamen die Protestierenden nicht nur aus den Chattengau-Gemeinden Gudensberg, Edermünde und Niedenstein. Selbst wenn eine Mastanlage mit einer Kapazität von 40.000 Tieren und mindestens sechs Durchläufen im Jahr etwa eine halbe Millionen Tiere an den Schlachthof liefern kann, werden immer noch viele Mastanlagen gebraucht, die dann in der Landschaft stehen und für Mensch und Natur unangenehme „Nebenwirkungen“ haben. Abgesehen davon, dass in der gesamten Gesellschaft die Form der industrialisierten Tierhaltung immer mehr auf Ablehnung stösst.

Der Protest formierte sich und wurde so zu einer Art Keimzelle der Bewegung gegen Massentierhaltung in Nordhessen. Im Frühjahr 2014 zogen bei einer Demonstration 600 Menschen mit Transparenten, selbstgebastelten Protestschildern und Kostümen durch das Städtchen, das mit seinen 7 Stadtteilen auf knapp 10.000 Einwohner kommt. Die mediale Aufmerksamkeit von Presse bis TV war entsprechend.

Die Lokalpolitik funktioniert wie immer

Auffallend war schon damals, mit welcher Vehemenz Bürgermeister Börner (SPD) die Ansiedlung befürwortete. Eine kurzfristige Unterschriftensammlung, die in weniger als zwei Tagen die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl an Befürwortern einer Bürgerbefragung sammelte, wurde mit verwaltungsrechtlichen Tricks beiseite geschoben. Wer wann im Aufsichtsrat einer kreditgebenden Bank saß, die viel zu leichtfertig die Firma Köcher finanzierte, wäre eine eigene Betrachtung wert.

Ähnlich wie aktuell in der Chattengau-Gemeinde Edermünde, wo ein Bürgermeister derselben Partei sich massiv für den Bau eines Logistikzentrums auf 18 ha Ackerfläche stark macht, war auch hier sicher der Wunsch auf Gewerbesteuereinnahmen ein gewichtiges Motiv. Allen Protesten zum Trotz jedenfalls wurde das Genehmigungsverfahren zum Bau des Schlachthofs durchgezogen.

Ein Informationsabend der Stadt wurde organisiert, im Stadtparlament wurde diskutiert, doch nur die Grünen sprachen sich explizit gegen den Großschlachthof aus. Die Stadtverordneten beschlossen im Oktober 2014 die Änderung des Flächnutzungsplans und wiesen ein neues Industriegebiet für den Schlachthof aus. Damit wurde auch die Erweiterung des Schlachthofs möglich.

In weniger als 2 Tagen hatten Hunderte von Wahlberechtigten in Gudensberg sich für eine Bürgerbefragung ausgesprochen. Doch der Bürgermeister konnte das Begehren formalrechtlich ablehnen und der Bürgerwunsch wurde nicht berücksichtigt.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU Dieter Heer sprach von dem Recht einer Mehrheit auf „Lebensmittel zu vernünftigen Preisen“ und packte die rhetorische Keule aus. Die Tierschützer und Schlachthofgegner seien doch alles Lehrer und Beamte, die sich den Luxus von Ökolebensmitteln leisten könnten. Rote Socken light – immer wieder beliebt.  Nur die Grünen protestierten und meldeten Bedenken an.

Interessant aus heutiger Sicht ist die Kommunalwahl im März diesen Jahres: Die SPD verlor knapp 24% (!) der Wählerstimmen und damit ihre absolute Mehrheit von 2016. Möglicherweise ist eine Mehrheit der Bürger doch nicht so zufrieden mit der „Wachstumspolitik“ der Partei und ihres Bürgermeisters, der ja auch einen großen Acker für ein Logistikzentrum geopfert hat bei gleichzeitigem Leerstand im Industriegebiet.

Die Schlacht um den Schlachthof verloren. Doch der Protest geht weiter.

Obwohl die Verwaltung sich über den vermutlichen Mehrheitswillen der BürgerInnen hinwegsetzte und Plukon erweitern konnte, wuchs in der ganzen Region der Widerstand. Denn entgegen der Ankündigung des niederländischen Geschäftsführer Kees van Oers, es werde in Nordhessen wegen dem Schlachthof keine Stallneubauten geben („Wir haben langfristige Lieferverträge“), startete Plukon Mitte September 2015 gemeinsam mit dem Deutschen Geflügelzüchterverband, einem Futtermittelhersteller und anderen Lobbyisten eine Imagekampagne bei den Landwirten. Nach einer Besichtigung des Schlachthofs – oder zumindest der Kühlhäuser und der Kantine – wurde geworben für Investitionen, sprich den Bau von Mastanlagen.

Bei der öffentlichen Anhörung hatten die Plukon-GegnerInnen keine Chance. Der Konzern war mit mehreren Anwälten vertreten. Die gaben den Bedenken teilweise sogar recht, beriefen sich aber darauf, dass für bestimmte Schadstoffe gesetzlich keine Höchstwerte festgelegt seien.

Dies ist für die Fleischkonzerne auch deshalb so wichtig, weil sie so das Risiko auf viele Schultern abwälzen und vor allem vom priviligierten Baurecht der Landwirte profitieren. Versprochen wird der Landwirtschaft eine sichere Rendite über viele Jahre. Schon damals argumentierten Tierschützer und Gegner, dass Massentierhaltung kein Zukunftsmodell sein könne. Schaut man aktuell auf die Preiskrise beim Schweinefleisch und jetzt auch bei der Vermarktung von Puten, ist dies schneller bittere Realität geworden als vermutet.

Spätestens mit dieser Werbeveranstaltung war klar, dass Nordhessen noch weitere Hähnchenmastanlagen bekommen würde. Im Juni 2015 wurde die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung ein eingetragener Verein. So konnte gezielter gearbeitet werden und über Spenden auch die Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit finanziert werden. Auch wenn alle Beteiligten ehrenamtlich arbeiteten, entstanden ja u.a. Druckkosten oder Gebühren für den Internetauftritt.

Die BI Chattengau wurde relativ bekannt und auch an anderen Orten gründeten sich Bürgerinitiativen. Schließlich lag der Gedanke nahe, ein Netzwerk zu gründen, zumal auch lokale und regionale Gruppen anderer Organisationen die BIs unterstützten. Greenpeace in Kassel war von Anfang an dabei, bald auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der NABU, Kreisverbände des BUND schlossen sich an. Schließlich wurde bei einem ersten Treffen in Seigertshausen die Gründung einer regionalen Dachorganisation diskutiert und im März 2018 dann offiziell in Niedenstein die Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen e.V. gegründet, kurz AGA-Nordhessen genannt.

Einmal schickte sogar der Bauernverband einen Zuhörer in den Unterricht. Doch der musste anschließend zugeben, dass die Informationen der BI sachlich richtig waren.

Diese Dachorganisation hat in der relativ kurzen Zeit ihres Bestehens erfolgreich an verschiedenen Stellen agiert. Info-Veranstaltungen, Protestaktionen, Unterstützung bei Einsprüchen gegen Genehmigungsverfahren, Schulprojekte, Infostände und eine umfangreiche, informative Webseite, die von einem ehrenamtlichen Redaktionsteam betreut wird, gehören dazu.

Inzwischen ist die Klimakrise auch in den Köpfen der meisten Deutschen angekommen, das ist bekannt. Ebenso klar und bekannt ist, dass die Tierdichte in Deutschland drastisch reduziert werden muss, um den Anteil der Landwirtschaft an klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren. Auch wenn Lobbyisten der industriellen Tierhaltung weiterhin unverdrossen teilweise sogar das Gegenteil propagieren, die Massentierhaltung ist längst angezählt.

„Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“, sagte schon 2014 der Geschäftsführer eines Schlachtunternehmens. Das stimmt wohl. Bestimmte Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten, und wenn damit noch so schön Geld verdient wurde. Deshalb sollten Landwirte, die über einen Massentierstall nachdenken, sich auch an diesen Spruch halten: Die Gegenwart ist der Beginn der Zukunft.

Andreas Grede ist Mitbegründer der Bürgerinitiative Chattengau e.V. sowie deren Vorstand. Außerdem ist er ehrenamtlicher Vorstand und Sprecher der Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen e.V.

Wachstum bis zum Kollaps

Der Schlachtpreis für Schweine ist auf ein Rekordtief gesunken. In den Kühlhäusern lagern über eine Viertelmillionen Tonnen Fleisch. Auch hier zeigt sich das ganze Elend einer Strategie, die auf industrielle Massentierhaltung und knallharten Preiswettbewerb auf dem Weltmarkt setzt.

Hauptsache viel und billig. Doch selbst das hilft nur noch bedingt.

Der Deutsche Bauernverband nennt die aktuellen Schweinepreise ruinös und die Lage für alle Schweinehalter*innen existenzbedrohend. Stimmt wohl. Aber was sind die Hintergründe für diese Krise?

Ein Beitrag auf der Webseite der AGA-Nordhessen bringt Fakten und weiterführende Infos.

BI bei der Klimastreik-Demo in Kassel dabei

Da war reichlich was los in Kassel am Freitag. Fridays for Future rief auf zum Klimastreikt und 5.000 Menschen kamen! Da zeigte auch die BI Chattengau „Flagge“.

Unser Protest gegen Massentierhaltung war vielerorts in Nordhessen erfolgreich, gemeinsam mit der AGA-Nordhessen wurden Großmastanlagen an verschiedenen Standorten verhindert. Und das ist ein Gewinn für den Klimaschutz, denn die „Fleischproduktion“ verschlingt Ressourcen, vernichtet Regenwald durch Abholzung für die Gewinnung von Futtermittel-Anbauflächen und belastet Klima und Umwelt durch schädliche Emissionen.

Während die AGA schwerpunktmäßig in Frankenberg vertreten war, waren BI-Mitglieder in Kassel dabei.

Protest gegen Megaställe in Berlin

PM vom 7.9.2021:

„Mit Tiermasken verkleidete Demonstrant:innen fordern heute vor dem Bundestag: Bauernhöfe statt Tierfabriken! Vor der Bundestagswahl treten die Vertreter:innen des „Wir haben es satt!“-Bündnisses für eine zukunftsfähige Agrarpolitik ein. Konkret heißt das: Die nächste Bundesregierung muss die Abstockung der Tierzahlen bei gleichzeitigem Erhalt der Höfe voranbringen.“

Der Brand in Alt Tellin, wo Ende März knapp 60.000 Schweine starben, ist nur die Spitze des Eisbergs des brandgefährlichen Billigfleisch-Systems. In der aktuellen Legislaturperiode gab es bundesweit bei 27 Bränden in Großstallanlagen über 240.000 tote Tieren. Trotz der gravierenden Brand- und Tierschutz-Bedenken sind derzeit 2,5 Millionen zusätzliche Tierplätze in Megaställen geplant.

Diese Entwicklung steht nicht nur im krassen Widerspruch zum Tierschutz. Auch der vom Verfassungsgericht geforderte Klimaschutz und eine klimagerechte Ernährung lassen sich so nicht erreichen. Wissenschaftler:innen empfehlen eine Fleischreduktion von rund 70 Prozent, damit unsere Überlebensgrundlage auf dem Planeten gesichert wird.“

BI Chattengau aktiv dabei: DEMO am 31.10.2020 in Kassel

Zahlen des Grauens: 60 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet, eine erhebliche Anzahl davon für den Export. 500.000 von ihnen wachen im heißen Brühbad wieder auf, weil sie vorher nicht ordnungsgemäß getötet wurden (Töten im Akkord). 13 Millionen der Tiere landen im Abfall, überleben die qualvolle Mast nicht mal bis zum Schlachthof.

Grund genug, im Rahmen der europäischen Aktionswochen GoodFoodGoodFarming in Nordhessen ein Zeichen zu setzen. Die Fördermittel der EU fließen zum Großteil in die falschen Taschen. Eine klare Forderung: Es darf zukünftig nicht vor allem die Fläche gefördert werden, sondern es müssen gesellschaftlich gewünschte Leistungen honoriert werden wie Natur-, Klima- und Artenschutz und eine artgerechte Tierhaltung.

Die BI Chattengau ist im Planungsteam der Demo aktiv dabei. Weitere Infos zur Veranstaltung auf der AGA Webseite.

Die Schweinepest und das System Fleisch

Die deutsche Fleischindustrie steuert auf ihre nächste Krise zu. Die Afrikanische Schweinepest wurde bei einem verendeten Wildschwein in Brandenburg nahe der polnischen Grenze nachgewiesen. Und während Bauernpräsident Rukwied bereits im Klagemodus („staatliche Hilfen“) ist und gleichzeitig fordert, dass Wildschweine am besten komplett abgeschossen werden, hinterfragt u.a. der Deutsche Tierschutzbund das System Fleisch.

Auf ihrer Webseite kritisiert der Tierschutzbund die verstärkte Jagd auf Wildschweine scharf und stellt fest: „Kern des Problems sind nicht die Wildschweine. Die Hauptursachen für die Ausbreitung der Seuche ist der Mensch als Überträger, die transportbedingte Krankheitsverbreitung und die industrielle Schweinezucht. Wo Tausende Schweine in riesigen Hallen zusammengepfercht werden, können sich Krankheiten schnell ausbreiten. Auf diesen Hauptursachen sollte der Fokus aller Maßnahmen liegen – und nicht auf Massen-Abschuss.“ https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/artenschutz/afrikanische-schweinepest/

Wir sind also wieder mal beim System. Und ganz gleich, ob es zum Anlieferungsstau kommt bei Tönnies, weil Schlachthöfe sich zu Corona-Hotspots entwickelten oder jetzt Importverbote drohen: Warum fördert der Bauernverband und die von ihm dominierte Agrarpolitik weiterhin die Überproduktion von Fleisch?

Deutschland exportiert Fleisch, und zwar in erheblichem Maße. Seit dem Jahr 2000 wurde die Exportmenge um das Vierfache erhöht, es sind heute über 2,3 Millionen Tonnen Fleisch, die ins Ausland gehen, das ist etwa die Hälfte der gesamten deutschen Schlachtmenge.

Jeder Mediziner weiß: Die qualvolle Enge in den deutschen Massentierställen erhöht den Infektionsdruck. Die viel zu hohe Tierdichte in Deutschland verursacht zudem hohe Umwelt- und Klimaschäden.

Diese Zahlen zeigen leider auch, dass es mit dem Verzicht aufs Schnitzel noch nicht getan ist. Wir brauchen eine strukturelle Änderung des Systems Fleisch. Nun werden mit Sicherheit wieder die Erzeuger, z.B. auch die Schweinemastbetriebe in Nordhessen, nach vorne geschickt, um ihre existenziellen Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen. Deren Sorgen sind zunächst nachvollziehbar, nur geht es eben so nicht immer weiter. Wenn in Deutschland doppelt so viel Schweinefleisch produziert wird wie im eigenen Land verbraucht wird, ist das eine klare Grenzüberschreitung.

Die Tiermäster stehen unter Druck. Den Reibach machen andere.

Überschritten wird auch die Grenze der wirtschaftlichen Vernunft. In einem relativ kleinen Land wie Deutschland mit begrenzten Flächen kann es nicht sein, dass mit industrieller Massentierhaltung auf Teufel komm raus der Weltmarkt bearbeitet wird. Das grenzüberschreitende System der Agrarindustrie, vom (latein-)amerikanischen Futtermittel bis zu den Absatzmärkten in Asien und Afrika ist schon im Ansatz falsch. Daran verdienen nur die Agrarindustrie, die multinationalen Nahrungsmittelkonzerne und die Finanzmärkte, die an der Warenterminbörse mit Lebensmitteln spekulieren.

Die Tiere leiden unerträglich, das industrielle Essen macht die Menschen krank. Und was macht die Verbraucherschutzministerin? Frau Klöckner tauscht sich fröhlich mit Nestle & Co. aus, ist stolz auf ihre „Erfolge“ für gesündere Lebensmittel dank freiwilliger Selbstverpflichtung und zeigt nebenbei, wessen Interessen sie tatsächlich vertritt. Die heute-show hat es im Juni mit vielen Hintergrundinformationen sehr gut auf den Punkt gebracht.

„Bei Verbrauchern hat das Image von Fleisch als wertvollem Lebensmittel durch die Vorfälle [gemeint ist u.a. Tönnies] arg gelitten“, stellt die welt-online fest. Nett formuliert. Allerdings muss nochmals betont werden: Der Verbraucher ist wichtig, noch wichtiger jedoch sogar als Wähler. Denn letztlich entscheidet die Politik, was auf unsere Teller kommt. Und welche Grenzen im Namen des Profits anonymer Aktionäre überschritten werden und welche nicht.

Frau Klöckner und die industrielle Agrarlobby wälzen die gesamte Verantwortung gerne auf die Konsumenten ab. Diese Lüge wird gerne auf allen Ebenen verwendet – ein wunderbarer Vorwand, nichts zu tun. Deshalb ist Agrarpolitik auch von unten wichtig. Nicht allein mit emotionaler Empörung über Missstände, sondern gerade auch mit wirtschaftlichem und umweltpolitischem Sachverstand.

Protest gegen Hähnchmastanlage im Ringgau

Am 15. Juli  hat sie stattgefunden, die Anhörung zur Erweiterung der Hähnchenmastanlage in Grandenborn/Ringgau (Werra-Meißner Kreis). Vor zehn Jahren hat der Betreiber Herr S. eine Anlage für 39.900 Tiere errichtet, nun soll als „Zukunftsinvestition“ eine zweite – wie wir es nennen – Tierfabrik errichtet werden. Dann soll insgesamt 66.000 Hähnchen in gut 40 Tagen gemästet werden, das Schlachtgewicht dürfte bei 2,2 bis 2,5 kg liegen. Tiere mit insgesamt 35 kg Schlachtgewicht sollen auf einem Quadratmeter „wohlfühlen“. Es ist tatsächlich so: da der Gesetzgeber 39 kg Schlachtgewicht/m² erlaubt, sprechen die Geflügelmäster bei einem freiwilligen Zusatraum von gut 10 % von Tierwohl …

Ärgerlicherweise wurde die Anhörung im Regierungspräsidium Bad Hersfeld auf drei Termine gelegt. Der Saal war korrekt und sinnvoll nach den Hygieneregeln ausgestattet (Abstand, Plexiglastrennscheiben), ärgerlich war zudem, dass trotz ausreichender Plätze außer den Einwendern nicht auch einzelne Zuhörer und Beobachter zugelassen wurden.

Mit einem neuen Transparent und teilweise verkleidet: MitgliederInnen der BI Chattengau vor dem Gebäude des RP Kassel in Bad Hersfeld am 15.7.2020.

Vor dem Termin fand eine Mahnwache mit mehr als einem Dutzend Leuten statt – eine ordentliche Zahl für einen Mittwochmittag. Ein deutliches Zeichen für unsere Positionen! Denn in Zeiten, wo auch der letzte mitbekommen haben muss, wie es in den Großschlachthöfen zugeht, die genau wie die Massentierhaltung zum System Fleisch gehören, kann so eine Hähnchenmastanlage keine „Zukunftsinvestition“ sein!

Herr S., in der Anhörung direkt darauf angesprochen, ob er nicht glaube, dass längst schon ein gesellschaftlicher Wandel im Gange sei und die Massentierhaltung kaum noch Zukunft habe, erwiderte, es sei Unternehmer. Sollte der Markt verlangen, dass er ein Viertel der Tiere auf dem gleichen Raum halte, werde er das tun. Das klingt zunächst einmal nachvollziehbar. Dennoch: es erinnert auch ein wenig an eine Entwicklungsabteilung der Industrie, die sagt, sie stelle erstmal 500 PS-Verbrenner her, und wenn der Markt günstige Kleinwagen verlange, werde man auch die – irgendwann – liefern.

Der Markt alleine sollte lieber nicht herhalten – das ist zu bequem. Es gibt auch viele Landwirte, die nach Alternativen suchen und diese auch finden. Dabei alle Last auf den Verbraucher zu schieben, ist unredlich. Es gibt zu viele Akteure, manchmal haben sie sogar einen Namen. Herr Tönnies steht für Gier und Menschenverachtung an der Spitze, aber auch Herr Schneeweiß (Geschäftsführer Edeka Hessenring in Melsungen) sollte nicht unerwähnt bleiben: auch in der aktuellen „Schweine-Krise“ ist sein erstes öffentliches Statement, Edeka kaufe dort Fleisch, wo der „beste Preis“ zu erzielen sei.

Dem Investor im Ringgau sei gesagt: Oft ist es schwer, eine einmal gemachte Entscheidung zu überdenken. Dabei hat ja der Tönnies-Skandal gezeigt, was Tierschützer schon seit Jahren kritisieren. Interessant, wie schnell sich auch die Politiker und Prominenten von diesem „erfolgreichen“ Unternehmer abwenden. Das sollte zu denken geben.

MitgliederInnen der BI Chattengau waren vor Ort mit einem Transparent dabei und nahmen teilweise auch an der Anhörung teil.

Fotos auf in unserer Fotogalerie.