Die Schweinepest und das System Fleisch

Die deutsche Fleischindustrie steuert auf ihre nächste Krise zu. Die Afrikanische Schweinepest wurde bei einem verendeten Wildschwein in Brandenburg nahe der polnischen Grenze nachgewiesen. Und während Bauernpräsident Rukwied bereits im Klagemodus („staatliche Hilfen“) ist und gleichzeitig fordert, dass Wildschweine am besten komplett abgeschossen werden, hinterfragt u.a. der Deutsche Tierschutzbund das System Fleisch.

Auf ihrer Webseite kritisiert der Tierschutzbund die verstärkte Jagd auf Wildschweine scharf und stellt fest: „Kern des Problems sind nicht die Wildschweine. Die Hauptursachen für die Ausbreitung der Seuche ist der Mensch als Überträger, die transportbedingte Krankheitsverbreitung und die industrielle Schweinezucht. Wo Tausende Schweine in riesigen Hallen zusammengepfercht werden, können sich Krankheiten schnell ausbreiten. Auf diesen Hauptursachen sollte der Fokus aller Maßnahmen liegen – und nicht auf Massen-Abschuss.“ https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/artenschutz/afrikanische-schweinepest/

Wir sind also wieder mal beim System. Und ganz gleich, ob es zum Anlieferungsstau kommt bei Tönnies, weil Schlachthöfe sich zu Corona-Hotspots entwickelten oder jetzt Importverbote drohen: Warum fördert der Bauernverband und die von ihm dominierte Agrarpolitik weiterhin die Überproduktion von Fleisch?

Deutschland exportiert Fleisch, und zwar in erheblichem Maße. Seit dem Jahr 2000 wurde die Exportmenge um das Vierfache erhöht, es sind heute über 2,3 Millionen Tonnen Fleisch, die ins Ausland gehen, das ist etwa die Hälfte der gesamten deutschen Schlachtmenge.

Jeder Mediziner weiß: Die qualvolle Enge in den deutschen Massentierställen erhöht den Infektionsdruck. Die viel zu hohe Tierdichte in Deutschland verursacht zudem hohe Umwelt- und Klimaschäden.

Diese Zahlen zeigen leider auch, dass es mit dem Verzicht aufs Schnitzel noch nicht getan ist. Wir brauchen eine strukturelle Änderung des Systems Fleisch. Nun werden mit Sicherheit wieder die Erzeuger, z.B. auch die Schweinemastbetriebe in Nordhessen, nach vorne geschickt, um ihre existenziellen Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen. Deren Sorgen sind zunächst nachvollziehbar, nur geht es eben so nicht immer weiter. Wenn in Deutschland doppelt so viel Schweinefleisch produziert wird wie im eigenen Land verbraucht wird, ist das eine klare Grenzüberschreitung.

Die Tiermäster stehen unter Druck. Den Reibach machen andere.

Überschritten wird auch die Grenze der wirtschaftlichen Vernunft. In einem relativ kleinen Land wie Deutschland mit begrenzten Flächen kann es nicht sein, dass mit industrieller Massentierhaltung auf Teufel komm raus der Weltmarkt bearbeitet wird. Das grenzüberschreitende System der Agrarindustrie, vom (latein-)amerikanischen Futtermittel bis zu den Absatzmärkten in Asien und Afrika ist schon im Ansatz falsch. Daran verdienen nur die Agrarindustrie, die multinationalen Nahrungsmittelkonzerne und die Finanzmärkte, die an der Warenterminbörse mit Lebensmitteln spekulieren.

Die Tiere leiden unerträglich, das industrielle Essen macht die Menschen krank. Und was macht die Verbraucherschutzministerin? Frau Klöckner tauscht sich fröhlich mit Nestle & Co. aus, ist stolz auf ihre „Erfolge“ für gesündere Lebensmittel dank freiwilliger Selbstverpflichtung und zeigt nebenbei, wessen Interessen sie tatsächlich vertritt. Die heute-show hat es im Juni mit vielen Hintergrundinformationen sehr gut auf den Punkt gebracht.

„Bei Verbrauchern hat das Image von Fleisch als wertvollem Lebensmittel durch die Vorfälle [gemeint ist u.a. Tönnies] arg gelitten“, stellt die welt-online fest. Nett formuliert. Allerdings muss nochmals betont werden: Der Verbraucher ist wichtig, noch wichtiger jedoch sogar als Wähler. Denn letztlich entscheidet die Politik, was auf unsere Teller kommt. Und welche Grenzen im Namen des Profits anonymer Aktionäre überschritten werden und welche nicht.

Frau Klöckner und die industrielle Agrarlobby wälzen die gesamte Verantwortung gerne auf die Konsumenten ab. Diese Lüge wird gerne auf allen Ebenen verwendet – ein wunderbarer Vorwand, nichts zu tun. Deshalb ist Agrarpolitik auch von unten wichtig. Nicht allein mit emotionaler Empörung über Missstände, sondern gerade auch mit wirtschaftlichem und umweltpolitischem Sachverstand.